Auf mehrfachen Wunsch stellen wir hier das Transkript des Vortrags über Adam Schmid vom 23. Mai 2026 zur Verfügung. Der Beitrag bietet einen interessanten Einblick in Leben und Wirken der behandelten Persönlichkeit und wurde nun zur besseren Nachvollziehbarkeit sowohl in Textform als auch zusätzlich als PDF aufbereitet.

Wir hoffen, damit allen Interessierten einen einfachen Zugang zu den Inhalten zu ermöglichen.

Otto Siegele

Druckversion Vortrag Adam Schmid vom 23.05.2026


Liebe Kapplerinnen und Kappler,
liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

In der nächsten ¾ Stunde werden wir einen Blick zurückzuwerfen – drei Jahrhunderte zurück, in eine Welt, die unsere eigene Geschichte in Kappl nachhaltig geprägt hat.

Wir beschäftigen uns heute mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit: Kurat Adam Schmid, dem wir unser wunderschönes Gotteshaus verdanken, dessen Bau im Jahr 1726, also vor genau 300 Jahren, begonnen wurde.
Ein Mann, dessen Name bis heute lebendig ist, dessen Wirken über Generationen nachhallt und dessen Spuren wir in Kappl heute noch finden – am sichtbarsten natürlich in unserer Pfarrkirche zum hl. Antonius dem Einsiedler.

Wir machen uns also gemeinsam auf eine Reise – ins Tirol des frühen 18. Jahrhunderts.
In eine Zeit, in der es noch keine Fotos gab, keine Filme, nicht einmal brauchbare Straßen; eine Zeit, in der Armut, harte Arbeit, tiefer Glaube, aber auch ständige Bedrohungen durch Krankheiten und Naturgewalten den Alltag der Menschen bestimmten.

Der Bach hieß in Karten aus dieser Zeit noch Rosanna und die Burg am Taleingang Wildperg.

Aus dieser Welt stammt Adam Schmid, der Mann, über den wir heute sprechen.
Ein Priester, ein Lehrer, ein Tröster, ein unermüdlicher Arbeiter für Gott und die Menschen. Viele im Tal hielten ihn nach seinem Tod für heilig – natürlich nie offiziell, aber im Herzen der Menschen war er es. Und vielleicht ist das ja ohnehin die eigentlich wichtigere Form der Heiligsprechung.

Er wurde über lange Zeit im Paznaun verehrt und soll nicht in Vergessenheit geraten – wovon zahlreiche Berichte und Votivtafeln Zeugnis ablegen.

Als Quellen dienten mir:

  • eine Biografie von Adam Schmid, ein Auszug aus dem „Hl. Tiroler Ehrenglanz“,
  • sowie die Kirchenchronik von Johann Lorenz aus dem Jahre 1915.

Im Mittelpunkt dieses Vortrags stehen daher folgende Fragen:

  • Wer war dieser Mann – Adam Schmid?
  • Was hat ihn so ausgezeichnet?
  • Und warum sprechen wir 300 Jahre später noch oder wieder über ihn?

Darum soll es in diesem Vortrag gehen.

Am Ende werfen wir außerdem noch einen Blick auf die Pfarrwallfahrt nach Einsiedeln – auf den Spuren jenes Priesters, der einst selbst diese Reise antrat, voller Eifer und tiefem Vertrauen.

Adam Schmid wurde am 23. Dezember 1689 in Obermahren geboren. Seine Eltern, Andreas Schmid und Eva Knausin – damals wurde gegendert 😉 –, waren eine einfache Bauernfamilie. Geld war kaum vorhanden, aber an Glauben mangelte es nicht.

Schon als Kind zeigte Adam etwas, das man später seinen „Gottesinstinkt“ nennen sollte: Während andere Kinder miteinander raufen oder spielen, zieht er sich lieber zum Beten zurück. Beim Viehhüten auf der Alm betet er den Rosenkranz – und wenn die anderen Kinder nicht mitbeten wollen, dann betet er eben allein weiter. Das störte ihn nicht.

Diese frühe Hingabe an Gott wirkt nicht aufgesetzt oder erzwungen; sie scheint vielmehr aus seinem Wesen herauszukommen. Zeitlebens wird Adam sagen, dass er „seinen Platz“ bereits als Kind im Gebet gefunden habe. Der Wunsch, zu studieren und Priester zu werden, reift daher sehr früh. Doch Gott stellt die Familie vor schwere Prüfungen.

Das Haus in Obermahren brennt ab, und die Kosten für den Wiederaufbau scheinen ein Studium unmöglich zu machen. Doch das Schicksal meint es weiterhin nicht gut mit Adams Familie: Der Vater stirbt, und Adam muss als einziges Kind Verantwortung übernehmen und sich um Hof und Mutter kümmern – als Jugendlicher, der eigentlich hätte studieren wollen. Neben der schweren Arbeit am Hof nimmt er sich aber auch noch Zeit, die Nachbarskinder zu unterrichten. Sein Wunsch, Priester zu werden, bleibt lebendig. Und schließlich wird die Not zur Chance.

Im Jahr 1706 geht Obermahren erneut in Flammen auf, und das Haus brennt zum zweiten Mal nieder. Ein Wiederaufbau ist aus finanziellen Gründen unmöglich. Die Familie verliert alles, außer ihrem Stück Grund und Boden.
Adam und seine Mutter sagen sich: „Schlimmer kann’s nicht mehr werden – jetzt probieren wir’s!“. Sie verpachten ihre Felder und Äcker und machen sich auf den Weg nach Innsbruck. Ein 17-jähriger Bursche vom Land, ohne Geld, ohne Beziehungen – dafür mit einem unbändigen Willen, Priester zu werden und dort – am Jesuitengymnasium – beginnt eine erstaunliche Entwicklung.

Trotz ärmlichster Lebensumstände – er lebt in einer lauten Kammer, friert oft und isst kaum – überragt er seine Mitstudenten an Fleiß und Begabung. Er lernt nachts, er lernt im Gehen, er lernt beim Essen.

Er ist so vertieft in sein Studium, dass man ihn einmal ermahnen musste, beim Essen nicht gleichzeitig in einem theologischen Buch zu lesen. Ich denke da fühlen sich manche von uns auch ertappt, wenn man beim Essen wieder mal auf Handy schaut. Adam Schmid hatte ähnliche Probleme, nur eben mit Latein statt Instagram.

Nach nur vier Jahren hat er das gesamte Gymnasium abgeschlossen, obwohl er sich viele Grundlagen – wie Latein und anderes Vorwissen – selbst aneignen musste. Er überspringt mehrfach eine Klasse und wird mehrfach als Jahrgangsbester ausgezeichnet.

Er wird Mitglied der Marianischen Kongregation, einer geistlichen Studentenvereinigung, und steigt dort rasch zum Vorsitzenden auf. Auch das ist ein Zeichen seiner inneren Ausstrahlung und moralischen Haltung: Ein Bauernsohn aus Obermahren führt junge Männer aus wohlhabenden Häusern – nicht wegen Herkunft oder Geld, sondern wegen seiner Persönlichkeit und seines Charakters.

In den Jahren 1711 bis 1713 besucht Adam Schmid die Theologische Fakultät und absolviert seine Priesterausbildung. Im Jahr 1713 wird er in Brixen zum Priester geweiht. Er hätte ins Kloster gehen können – vielleicht wäre es sogar „seine Welt“ gewesen. Doch er entscheidet sich bewusst dagegen. Warum? Weil er seine Mutter nicht allein lassen will, für die er sorgen muss und so wird er Weltpriester und kehrt bald nach Kappl zurück.

Hier wirkt er sieben Jahre lang als Frühmesser – und wächst den Kapplerinnen und Kapplern rasch ans Herz. Schon bald wird er zu einer wichtigen geistlichen Persönlichkeit im Tal.

Was macht ihn so besonders?

  • Er predigt klar, herzlich und volksnah.
  • Er unterrichtet Kinder in abgelegenen Weilern.
  • Er besucht Kranke – auch mitten in der Nacht.
  • Er hört stundenlang Beichte, oft ohne Pause.
  • Er ist überall präsent – zu Fuß, mit einer für uns heute kaum vorstellbaren Ausdauer.

So wundert es niemanden, dass die Gemeinde im Jahr 1720, nach dem Tod von Kurat Wolf, ausdrücklich bittet: „Wir wollen den Herrn Adam als Kuraten.“ Und so geschieht es. Nur Adam selbst war darüber sehr betrübt. Er hielt sich für zu gering und zu schwach für diese Aufgabe. Er war einer, der sich nicht aufdrängt, der sich selbst nicht für gut genug hielt.

Eine Bescheidenheit, die uns heute fast fremd geworden ist. Um seiner Aufgabe gerecht zu werden, schreibt sich Adam Schmid eine strenge Tagesordnung vor. Ich sage es ganz offen: Wenn jemand von euch je darüber nachgedacht hat, etwas mehr Struktur in seinen Alltag zu bringen – Adam Schmid konnte das. Allerdings: Sein Tagesplan wäre eine Herausforderung. Der ist eher etwas für Heilige.

Sein Nachfolger als Frühmesser, Josef Zimmermann, der zugleich sein Beichtvater war, hat uns diesen Tagesplan überliefert, den ich hier nur frei und gekürzt wiedergeben möchte.

Er begann jeden Tag konsequent um vier Uhr früh – egal ob Sommer oder Winter. Nach dem Gebet und einer kurzen Schriftlesung hielt er seine Vorsätze auf einem Zettel fest, den er sich gut sichtbar an die Tür hing. Dann ging es an die Arbeit: Seelsorge, Krankenbesuche oder Studium bis zur Frühmesse.

Seine Messfeiern waren zutiefst persönlich und bewegend – so sehr, dass man ihn nach der Wandlung nicht selten mit Tränen in den Augen sah. Vormittags und nachmittags las, betete oder unterrichtete er die Kinder, zwischendurch fertigte er einfache religiöse Handarbeiten an wie Rosenkränze oder Bußgürtel an.

Er aß sehr bescheiden zusammen mit seinen Hausgenossen im Widum, dafür aber nie ohne geistliche Gespräche oder Lesung. Einen großen Teil des Tages verbrachte er im Gebet in der Kirche, oft kniend vor dem Allerheiligsten. Am Abend versammelte er noch einmal seine Hausgemeinschaft zum gemeinsamen Psalter (3 Rosenkränze) – und schloss den Tag ruhig und gesammelt mit einem Gebet ab. Auch seine Mitbewohner im Widum hatten sich an seine Hausordnung zu halten. Dafür erhielten sie Kost und Lohn, sollten aber gleichzeitig ein Vorbild für alle sein. Diese Hausordnung wurde am 18. Juli 1727 herausgegeben.
Vor nicht allzu vielen Jahren haben sich doch viele von uns noch an einige dieser Regeln gehalten und man sieht, wie schnell sich die Zeiten ändern:

„Zu halten soll sein“ – Kurzfassung:

  1. Morgengebet mit guten Vorsätzen
  2. Wenn möglicher täglicher Gottesdienstbesuch
  3. Engel des Herrn beten beim Betläuten
  4. Jeden Abend den Rosenkranz und eine Marienlitanei
  5. Vor dem Schlafengehen eine Gewissenserforschung und Gebet bei Schlaflosigkeit
  6. Einmal im Monat beichten und Kommunionempfang
  7. Den Kuraten über Ärgernisse zu informieren

„Zu meiden soll sein“:

  1. Aller Zank und Unfriede.
  2. Gemeinschaft mit ledigen Burschen – das betrifft die jungen Frauen im Widum.
    Wer beim Tanzen oder Ausgehen mit einem Burschen erwischt wurde, konnte aufgefordert werden, seine Sachen zu packen.
  3. Es war verboten, dass ledige Mannspersonen bei der Arbeit halfen – zu gefährlich!
  4. Sie sollten sich vor Geschwätz, Tratsch und unnötigem Gelächter,
    vor Kleiderpracht und Hoffart hüten.

Wahrlich: Regeln, die man heute eher in einem Kloster vermuten würde, auch wenn sie vor ein paar Jahrzehnten großteils noch „normal“ waren.

Was Adam Schmid über seine seelsorglichen Aufgaben hinaus besonders macht, ist seine beeindruckende innere Disziplin. Die Regeln, die für seine Hausgemeinschaft galten, galten erst recht für ihn selbst. Er hielt sich für einen unwürdigen Sünder, der Buße tun müsse. So trug er – was im frühen 18. Jahrhundert durchaus nicht unüblich war – ein Bußhemd aus rauen Pferdehaaren, eiserne Bußgürtel sowie Bußdrähte an den Füßen. Auch sein Schlaf war entbehrungsreich: Sein Unterbett bestand lediglich aus einem harten Strohsack, das Oberbett aus einer rauen Wolldecke, sein Kissen war ein Holzblock. Er lebte mit einer großen Strenge gegen sich selbst. Er fastete mehrere Tage in der Woche, aß wenig und nur selten Fleisch. Er trank meist Wasser oder etwas Milch, kaum Wein – und wenn, dann stark verdünnt. Sich selbst sah er als Sünder – andere hingegen entschuldigte er. Nicht, weil er den Körper verachtete, sondern weil er glaubte, dass sein Dienst nur dann rein und ohne Hintergedanken sein könne, wenn er sich selbst zurücknimmt und Gott den ersten Platz einräumt. Diese asketische Lebensweise trug wesentlich dazu bei, dass viele Menschen ihn bereits zu Lebzeiten als besonders heilig empfanden.

  • Er sprach nie schlecht über jemanden.
  • Er nahm andere in Schutz.
  • Er hörte geduldig zu.
  • Er war streng im Glauben, aber mild im Urteil über seine Mitmenschen.

Nur Tanzveranstaltungen strapazierten seine Geduld besonders: Da tauchte er hin und wieder auf, konfiszierte die Geige – und die Veranstaltung war beendet.  Auch von Trunkenheit und nächtlichem Herumschwärmen hielt Adam Schmid nichts. Und er scheute sich nicht, dies deutlich zu sagen – und gegebenenfalls auch zu unterbinden.

Eines der sichtbarsten und nachhaltigsten Werke im Leben Adam Schmids ist die Erweiterung und Erneuerung der Kappler Pfarrkirche. Die alte Kappler Kirche war baufällig und schlicht zu klein. Im Winter standen die Menschen dicht gedrängt in den Gängen, Kälte und Platzmangel bestimmten den Gottesdienst. Adam Schmid erkannte rasch: Eine neue Kirche muss her.

Doch die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Die Gemeinde war arm, das Kirchenvermögen unzureichend, und die Wege waren schwierig. Alles – vom Holz bis zum Kalk und jeder Stein – musste auf dem Rücken der Menschen oder notdürftig mit Schlitten herangeschafft werden. Auch auf Fronarbeiten der zahlreichen Kappler Handwerker konnte man nur eingeschränkt zählen. Bis zu 300 Männer waren im Sommer nicht im Tal.

Dieses besondere Kapitel der Kappler Geschichte spiegelt sich in den Sterbematriken des 17. und 18. Jahrhunderts wider. Sie berichten von Maurern, Steinmetzen, Zimmerleuten und jungen Taglöhnern, die Jahr für Jahr in großer Zahl als Wanderhandwerker in die Fremde zogen: Viele von ihnen kehrten nie mehr heim.

Immer wieder findet sich in den Einträgen der Vermerk: „gestorben in loco haereticorum“ – „gestorben in einem Ort der Menschen, die eine Irrlehre befolgen, also in lutherischen Gebieten, fern jeder katholischen Pfarre.  Das bedeutete für die Kappler nicht nur einen persönlichen Schicksalsschlag, sondern auch große seelische Not, denn ein Sterben ohne die katholischen Sakramente galt als besonders schlimm.

Viele Sterbefälle folgen demselben tragischen Muster:  Handwerker brechen bereits krank auf, um „sich heimzutragen“, sterben aber unterwegs. Andere werden von ihren Zunftgenossen so weit wie möglich in katholische Gegenden gebracht, um dort wenigstens noch die Sterbesakramente empfangen zu können. Manche schaffen es bis nach Kappl zurück – völlig erschöpft –, um dort, endlich „versorgt“, zu sterben. Die Matriken zeigen dabei eine auffallende Sorge um den katholischen Glauben der Verstorbenen.

So etwa bei Jakob Peter aus Ulmich, der 1725 in Thüringen starb. Ein protestantischer Prediger wurde zwar gerufen, doch der Kappler stellte sich taub und starb – wie Adam Schmid rührend vermerkt –: „im katholischen Glauben unbeweglich“.

Manche – wie Christian Wöchner, magister murarius, also ein Maurer – konnten nur heimlich von einem Priester in Laienkleidung besucht werden.

Neben den Männern findet sich in den Matriken auch das erste Zeugnis von sogenannten Hüte- oder Schwabenkindern aus Kappl: Ein Mädchen, das zum Viehhüten ins Schwabenland geschickt worden war, starb ebenfalls fern der Heimat.

Diese Sterbematriken sprechen in schlichten Worten, aber mit großer Eindringlichkeit. Sie zeigen:

  • wie gefährlich das Leben der Kappler Handwerker war,
  • wie weit ihr Arbeitsgebiet reichte,
  • und wie stark der Wunsch blieb, selbst im Tod mit Heimat und Glauben verbunden zu sein.

Viele dieser Menschen verließen Kappl aus wirtschaftlicher Not – und kamen nur als Nachricht aus der Fremde zurück. Ihre Einträge im Sterbebuch sind stille, aber eindrucksvolle Zeugnisse eines arbeitsamen und entbehrungsreichen Lebens, das den Alltag der Kappler Familien über Generationen prägte.

Wie konnte nun die neue Kirche finanziert werden?

Was viele für unmöglich halten, gelingt Adam Schmid. Er motiviert, er organisiert, er sammelt Spenden – und geht selbst mit gutem Beispiel voran, sogar finanziell. Er untermauert sein Tun frei nach Johannes: „Was ihr mich tun sehet, das sollt ihr auch tun!“ Adam Schmid selbst spendet 600 Gulden – rund ein Fünftel der gesamten Bausumme. Anschließend zieht er durch Kappl, Haus für Haus, und bittet um Unterstützung. Die Menschen geben – trotz ihrer Armut. Am Ende kommen 2.557 Gulden und 46 Kreuzer zusammen, dazu Spenden aus See, Ischgl und von auswärtigen Wohltätern. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 2.600 bis 3.000 Gulden – und konnte eingehalten werden.

Wie kam es nun zum eigentlichen Kirchenbau?

Wahrscheinlich wurde bereits um 1724 ein Bauansuchen gestellt, in dem – wegen des Platzmangels und der notwendigen Neueindeckung des Daches – erstmals ausdrücklich von einem Kirchenneubau die Rede ist.

Im selben Jahr erhielt Adam Schmid, ein großer Verehrer des hl. Franz Xaver, im Rahmen einer Mission das heutige Altarbild des Xaveri-Altars. Dieses Bild war von der Gräfin von Brandis aus dem königlichen Damenstift in Hall den Missionaren geschenkt worden – mit dem Auftrag, es in einer Kirche zur Verehrung zu bringen. Die Patres waren überzeugt: Kappl ist dieser Ort. Um dem Bild eine entsprechende „Hörbig“ zu geben, dachte man zunächst daran, an der oberen Seite der Kirche eine Kapelle anzubauen oder eine eigene Kapelle zu errichten. Keiner dieser Pläne wurde umgesetzt. So fiel schließlich der folgenschwere Entschluss: Die ganze Kirche sollte erweitert werden, ein eigener Xaveri-Altar errichtet und gleichzeitig dem drängenden Platzmangel abgeholfen werden.

Xaveri Altar- Foto Bernhard Gruber

Am Georgitag im April 1726 begann man mit dem Abbruch der alten Kirche. Ursprünglich sollte lediglich die untere Kirchenmauer niedergerissen werden, um die Kirche zu verbreitern – und vermutlich auch zu verlängern. Doch als man damit begann, stürzte trotz „Verpollwerkung“ und Abstützung auch die obere Mauer ein und aus dem Anbau wurde ein Neubau. Dabei wurden sogar die Seitenaltäre beschädigt.

Die Gottesdienste mussten während der Bauzeit – ab Ostern 1726 – unter freiem Himmel abgehalten werden. In wenigen Jahren entstand – abgesehen vom Turm, der bereits 1692 erbaut worden war – ein neuer Chor und eine neue Kirche mit dem Franz-Xaver-Altar, dem heutigen rechten Seitenaltar. Das Gotteshaus wuchs Schritt für Schritt zu jenem Raum heran, den wir heute kennen – auch wenn Adam Schmid die vollständige Fertigstellung nicht mehr erleben durfte.

Der Bau gliederte sich in den Rohbau, der wohl bis zum Winter 26/27 soweit fertiggestellt war, dass man die Kirche als überdachten Raum nutzen konnte und in den Innenausbau, der noch mindestens sieben Jahre dauern sollte:

Federführend waren auch viele Handwerker und Künstler aus Kappl beteiligt:

  • Maurerarbeiten und Zimmermannsarbeiten inkl. Dach: 1.900 Gulden
  • Baumeister Jakob Jehle, wie Adam Schmid aus Obermahren
  • Bauführer Leopold Peter aus Unterbüchel
  • Zimmermeister Johann Tschallener aus der Wegscheid
  • Schreiner Georg Senn aus Fiss machte die Altäre, das Chorgestühl, den Tabernakel und – nach der Kirchweihe 1735 – auch die heutige Kanzel
  • Fassung des Hochaltares durch Paul Wacker aus Strengen
  • Das Hochaltar-Gemälde stammt von Franz Lauckas aus Prutz
  • Der Bildhauer war Andrä Kölle aus Fendels
  • Die damaligen Kirchenbänke machte Ignaz Heiß aus Mahren
  • Glaser waren Josef und Peter Mallaun aus Habigen
  • Und Schmiedearbeiten wurden Johann Frischmann vom Bach erledigt

Der Kirchenbau war damit sicher das größte Unterfangen, das Kappl bis dahin erlebt hatte. Die Kirche wird schließlich am 6. September 1734 feierlich geweiht. Doch davon später – denn Adam Schmid erlebte diesen Tag nicht mehr, und ich möchte zuvor noch auf sein weiteres Leben, Wirken und sein Sterben eingehen.

Versehgänge:

Ein besonders anschauliches Beispiel für den seelsorglichen Eifer Adam Schmids ist die Ordnung der Versehgänge, also der feierlichen Begleitung des Allerheiligsten zu schwer Kranken. Diese Regelung verkündete er feierlich an einem Sonntag nach Fronleichnam und hinterließ sie auch seinen Nachfolgern!  Adam Schmid ordnete darin genau an, welche Ortsteile den Priester auf welchem Abschnitt des Weges begleiten sollten. So entstand eine klar strukturierte, gemeinschaftlich getragene Ordnung:

  • Die Kappler begleiteten den Priester bis zum „Bild“,
  • die Tschatscher und Höfer bis zum Höfer Bachl,
  • die Wieser, Bacher und Sinser bis zur Wegscheid,
  • die Obermahrer kamen dem Allerheiligsten entgegen und führten den Zug bis Ulmich weiter.

Auch die äußeren Weiler – von Niederhofer Egg bis Perpat – hatten genau festgelegte Begleitstationen. Jeder Ortsteil wusste somit, welchen Abschnitt des Weges er im Dienst der Nächstenliebe zu übernehmen hatte. Besonders wichtig war Adam Schmid, dass während des gesamten Weges laut gebetet wurde, um dem Allerheiligsten Ehre zu erweisen und jede Unandacht zu vermeiden. Auch während der Beichte des Kranken sollte das Volk betend verharren, „weil sonst dem höchsten Gut mit Schwätzen und Lachen mehr Unehr als Ehr erwiesen würde“. Jeder Versehgang war in Kappl nicht bloß ein Krankenbesuch, sondern eine kleine, feierliche Prozession, in der Christus selbst durch das Tal getragen wurde. Diese geordneten, gemeinschaftlichen Versehgänge prägten die religiöse Kultur Kappls tief und zeigen eindrucksvoll, wie sehr Adam Schmid die Menschen zu gelebter Frömmigkeit und gegenseitiger Verantwortung anzuleiten verstand.

Der Tod Adam Schmids:

Im Jahr 1729 spürt Adam Schmid, dass seine Kräfte nachlassen. Er vertraut sich dem Kuraten Landerer von Landeck an und äußert den Wunsch, die Kuratie Kappl abzugeben und das Amt des Frühmessers in Landeck zu übernehmen – die Belastung sei einfach zu groß geworden. Allerdings möchte er noch die Vollendung des Kirchenbaus abwarten. Mehrmals sagt er in seinem letzten Lebensjahr zu seinem Frühmesser Thür: „Dieses Jahr werde ich sterben.“ Er lässt sich das nicht ausreden und ergänzt höchstens: „Ihr werdet es schon sehen.“

Am 3. Mai 1729 hält Adam Schmid mit seiner Gemeinde noch den Bittgang nach Galtür zur Muttergottes – immerhin ein Marsch von rund vier Stunden. Dem Galtürer Pfarrer sagt er dabei, er habe das Gnadenbild noch nie so schön erlebt wie an diesem Tag. Nach der Rückkehr nach Kappl geht er noch etwa eineinhalb Stunden talauswärts zu Krankenbesuchen. Diese dauern so lange, dass er erst am nächsten Morgen in den Widum zurückkehrt – bereits stark geschwächt und unwohl, was nach solchen Strapazen kaum verwundert. Sein Zustand verschlechtert sich zusehends, die Schmerzen nehmen zu. Eine seiner Basen äußert besorgt: „Der Herr Vetter wird wohl nicht sterben!“ Er antwortet ruhig, es sei wohl einerlei, ob er noch ein paar Schuhe mehr oder weniger zerreiße, und bereitet sich mit einer Lebensbeichte auf seine letzte Stunde vor. Am Tag vor seinem Tod möchte er nach dem Empfang der Sterbesakramente noch einmal in die Kirche getragen werden, um die Predigt zu hören. Aufgrund seiner großen Schwäche ist dies jedoch nicht mehr möglich.  Nach der Messe kommen die Gläubigen in Scharen in den Widum, um den geliebten Hirten ein letztes Mal zu sehen. Auch beim Gottesdienst betet die Gemeinde besonders für ihn. Wenig später nach Sonnenuntergang stirbt Adam Schmid am 8. Mai 1729, im Alter von nicht ganz 40 Jahren.

Da Adam Schmid wusste, dass seinem Wunsch, seinen Leichnam ins Tal hinabzuwerfen, nicht entsprochen werden würde, bat er darum, in seiner Kirche, direkt neben dem Xaveri-Altar, bestattet zu werden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Über 200 Jahre durfte Adam Schmid dort ruhen, bevor sein Grab im Zuge der Kirchenrenovierung auf die obere Kirchenseite verlegt wurde. Sein ehemaliger Schüler Graf Ferdinand Josef von Sarnthein, Weihbischof von Brixen, sammelt bereits unmittelbar nach seinem Tod Berichte über Leben und Wirken seines Lehrers. Er lässt 1753 auch das marmorne Grabmal von Johann Ladner aus Kappl anfertigen.

Das Denkmal stand links vom Xaveri-Altar, war von einem Eisengitter umgeben und trug eine lateinische Inschrift. Deren deutscher Inhalt lautet sinngemäß:

Steh stille, Wanderer, lies und staune!

Der sonst den Menschen so liebevoll zugewandte, gegen sich selbst jedoch auf heilige Weise streng handelnde Mann,
der durch Geißeln, Fasten und sieben eiserne Bußgürtel, die er ständig trug,
sich niemals Ruhe gönnte,
selbst in der Nacht auf keinem anderen Lager als einem nackten Brett ruhte,
nahezu lebendig ein Märtyrer war –
der ruht in diesem Tempel, den er erneuerte,
älter an Verdiensten als an Jahren:
der hochwürdige Adam Schmid,
zuerst Frühmesser, dann eifriger Kurat,
nach seinem Hingang weiterlebend im Altare
und in der Bruderschaft,
die er dem großen Xaverius zu Ehren gegründet hat.

In der Folge erzählen sich die Menschen zahlreiche Geschichten von wundersamen Begebenheiten – teils aus seiner Lebenszeit, teils nach seinem Tod.  Einige davon sind auch durch Votivtafeln bezeugt. Der „Herr Adam“ wurde weit über Kappl hinaus im ganzen Tal verehrt. So wird berichtet, dass er einmal als Frühmesser beim Gebet am Hochaltar kniend samt dem Allerheiligsten in einer Wolke verschwunden sei. Vom Altar her soll man eine Stimme gehört haben: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich mein Wohlgefallen. Bittet Gott, dass er ihn euch lasse.“ Augen- und Ohrenzeugen sollen diesen Vorgang ausdrücklich bezeugt haben. Auch Heilungen von Blinden oder von Menschen mit Augenleiden werden überliefert. Mehrere Betroffene berichteten, dass sie ihre Augen mit den Blumen von Adams Grab berührt oder bestrichen und daraufhin Linderung oder Heilung erfahren hätten.

Nachfolgeprobleme

Nach dem Tod des seligen Adam Schmid geriet die Seelsorge in Kappl in eine schwierige Phase. Die Gemeinde war von Schmids tiefer Frömmigkeit, seinem Eifer und so stark geprägt, dass jeder Nachfolger unweigerlich an diesem Ideal gemessen wurde.

Besonders deutlich zeigt sich das im Konflikt mit seinem unmittelbaren Nachfolger, Kurat Franz Strolz, der ab 1729 in Kappl wirkte – aber, wie man damals sagte, „aus ganz anderem Holz geschnitzt“ war als der selige Adam.

Schon 1731 legten die Kappler dem Generalvikar in Brixen eine umfangreiche Klagschrift vor. Darin betonten sie zunächst ausdrücklich ihr kirchenrechtliches Recht, Beschwerden vorbringen zu dürfen – und erinnerten anschließend voller Wehmut an das vorbildliche Wirken Adam Schmids. Zugleich machten sie deutlich, dass sie eigentlich einen anderen Priester, den Frühmesser Thür, als Nachfolger gewünscht hätten. Ja, man berief sich sogar darauf, dass Adam Schmid diesen Wunsch auf seinem Sterbebett geäußert habe.

Strolz wurde vorgeworfen, zentrale religiöse Formen zu vernachlässigen, die unter Adam Schmid eingeführt worden waren: Dazu zählten unter anderem:

  • die Bruderschaftsprozessionen,
  • die Freitagsmesse am Xaveri-Altar,
  • die Nachmittagsandachten an Sonn- und Feiertagen,
  • sowie der regelmäßige Besuch des Missionskreuzes.

Besonders schwer wog jedoch, dass er kaum über den hl. Franz Xaver predigte, den Hauptpatron Schmids und der Kappler Gemeinde. Als ihn die Gemeindevertreter darauf ansprachen, forderte Strolz:„Kauf mit die Bücher, wenn ich vom hl. Franz-Xaver predigen soll!“ Als er schließlich sogar die Einführung der Xaveribruderschaft, die er „gründen müsse“, als überflüssig bezeichnete, fühlten sich viele Gemeindemitglieder tief verletzt.

Ein weiterer Punkt der Klage betraf den Umgang mit den Stolgebühren, also den Mess- und Sakramentsgebühren. Man warf ihm vor, zu hohe Gebühren zu verlangen, Jahresmessen zu verschleppen, Hochzeiten übermäßig teuer zu machen. Einigen Familien blieb angeblich nichts anderes übrig, als dringend benötigte seelsorgliche Dienste teuer beim Frühmesser dazuzukaufen.  Weiters warf man ihm mangelnde seelsorgliche Strenge vor und beklagte die allgemein nachlassende seelsorgliche Disziplin:

  • Unruhe in der Kirche werde geduldet,
  • Messgewänder würden nachlässig behandelt,
  • Predigten seien zu selten,
  • die Sakramente würden zögerlich gespendet,
  • Krankenbesuche kämen zu spät.

Für eine Gemeinde, die unter Adam Schmid streng geordnete, intensive und sehr lebendige religiöse Praktiken gewohnt war, wirkte dieses Verhalten wie ein Bruch mit der gesamten geistlichen Kultur der Pfarre.

Der Pfarrer von Serfaus, der beauftragt wurde, die Vorwürfe zu untersuchen, bemühte sich um ein nüchternes und ausgewogenes Urteil. Vieles, so seine Einschätzung, beruhe auf Missverständnissen und auf dem übersteigerten Eifer der Kappler. Zwar bestätigte der Serfauser Priester einzelne Kritikpunkte – etwa die fehlende Begeisterung für die Xaveribruderschaft oder die Verzögerungen bei Krankenbesuchen –, insgesamt hielt er jedoch fest, dass Strolz ein frommer, nüchterner Priester sei, keineswegs nachlässig oder gar unwürdig seines Amtes.

Der gesamte Streit zeigt sehr deutlich, wie tief Adam Schmid die Gemeinde geprägt hatte – und wie wenig man bereit war, von den von ihm eingeführten religiösen Formen auch nur einen Schritt abzuweichen. Die Sache endete mit baldiger Abberufung von Kurat Strolz.

Fertigstellung und Weihe des Gotteshauses:

Kommen wir noch einmal zum Gotteshaus zurück. Am 6. September 1734 wird die neue Kirche samt erweitertem Friedhof wie schon erwähnt, feierlich geweiht. Die Kirche erhält den Titel des hl. Antonius Abbas, die Seitenaltäre werden der Muttergottes und dem hl. Franz Xaver geweiht. Der Bischof liest die Messe auf dem neuen Xaveri-Altar – genau jenem Ort, der Adam Schmid besonders am Herzen lag – und verlässt Kappl, wie berichtet wird, „mit großer Consolation und Vergnügenheit“.

In tiefer Dankbarkeit verfasste noch Adam Schmid vor seinem Tod ein eigenes Dank- und Fürbittgebet für die Gemeinde. Dieses Gebet wurde offenbar zumindest bis ins frühe 20. Jahrhundert regelmäßig gebetet. Der genaue Wortlaut ist mir leider nicht erhalten, doch es fasste, so wird berichtet, sein gesamtes seelsorgliches Wesen zusammen: seinen Glauben, seine Hingabe und seine Liebe zu Gott und den Menschen.

Die Kirche sah damals noch nicht ganz so aus wie heute. Wie bereits erwähnt, wurde die Kanzel erst kurz nach der Kirchenweihe im Herbst 1734 errichtet. Eine weitere wichtige Ergänzung war der Kreuzweg von 1735, wobei nicht eindeutig ist, ob ein innerer oder äußerer Kreuzweg gemeint war. Auch die Orgel war noch nicht fertiggestellt und kam 1737 dazu. Der größte optische Unterschied zum heutigen Innenraum ist das Tonnengewölbe, das unter Kurat Josef Öttl jun. im Jahr 1774 als Ersatz für die bis dahin flache Holzdecke eingebaut wurde, die bei einem Erdbeben 1772 beschädigt wurde. Die Deckenmalereien stammen von Philipp Jakob Greil aus Pfunds. Diese Innenrenovierung in den Jahren 1775/76 kostete fast 1.000 Gulden für das Gewölbe und 150 Gulden für die Malerei.

Im Jahr 1780 wurden um rund 1.700 Gulden drei neue Glocken von Graßmayr aus Ötz gegossen. Sie ergänzten die Glocken von 1695 und blieben bis zur Glockenabnahme 1916 im Turm. Von diesem Geläut ist heute nur noch eine Glocke erhalten, die beide Weltkriege überstanden hat.

Um 1840 wurde die Empore erweitert, die Wangen der heutigen Kirchenstühle stammen aus dem Jahr 1865 und kosteten rund 1.600 Gulden. Das Kirchdach wurde 1884 und 1994 erneuert, und im 20. Jahrhundert erfolgten insgesamt drei größere Kirchenrenovierungen.

Bitt- und Kreuzgänge

Ein besonders eindrucksvoller Teil des Wirkens des seligen Adam Schmid war die Pflege und Förderung der Bitt- und Kreuzgänge, die in Kappl eine zentrale Rolle im Umgang mit Natur- und Klimanöten spielten. In einer Zeit ohne Wettervorhersagen, ohne staatliche Hilfen und waren diese religiösen Prozessionen ein wesentliches Mittel, um Hoffnung, Gemeinschaft und Handlungskraft zu vermitteln. Diese Bittgänge standen nahezu immer im Zusammenhang mit Witterungsextremen: Bei Trockenheit, Dauerregen, Kälteeinbrüchen im Sommer oder Schädlingsplagen zog die Gemeinde – oft mehrere hundert Menschen – mit Kreuz und Fahne nach Landeck oder Galtür zur dortigen Gnadenmutter.

Immer wieder vermerkt Adam Schmid in seiner Chronik, dass sich nach diesen Bittgängen das Wetter „gewendet“ habe: Nach Trockenperioden setzte Regen ein, nach anhaltendem Dauerregen folgten trockene Tage, sodass Heu und Korn noch gerettet werden konnten.

Besonders bemerkenswert ist die Erdflohplage der Jahre 1724 und 1725, die ganze Felder verwüstete. Adam Schmid reagierte darauf mit außergewöhnlicher seelsorglicher Intensität:

  • täglicher Aussetzung des Allerheiligsten,
  • Rosenkranzgebeten,
  • mehreren feierlichen Kreuzgängen.

Die Felder wurden an verschiedenen Stationen gesegnet, Evangelien gelesen und Exorzismen gesprochen.  In der Chronik heißt es schließlich, das Übel habe sich „gesetzt“ und sei dann völlig verschwunden.

Als 1725 ein nasser und kalter Sommer die Ernte erneut bedrohte, führte Adam Schmid sogar eine Kinderandacht ein: Knaben und Mädchen gingen mit einem Kruzifix voran, mit erhobenen Händen betend. Auch hier berichtet er von einer rasch eintretenden Wetterbesserung.

Zum Abschluss möchte ich noch auf einer besonders eindrucksvollen Wallfahrt eingehen, die Wallfahrt – oder besser: den Kreuzgang – nach Einsiedeln, den Adam Schmid im Jahr 1724 mit über 210 Gläubigen unternahm. Unter den Wallfahrern befanden sich, wie Schmid selbst notiert, „schwache Weibspersonen, ja gar schwangere Weiber und kleine Knaben“.

Der Aufbruch erfolgte zu Georgi, also am 23. oder 24. April 1724, offenbar am Montag nach dem Weißen Sonntag, um 12 Uhr mittags.

Der Weg nach Einsiedeln dauerte ca. 5 Tage bei einer Strecke von 180 km

  1. Tag: 24. April 1724, 18 km von Kappl nach Galtür, wo übernachtet wurde
  2. Tag: 25. April 1724 Insgesamt 55 km von Galtür über das Zeinisjoch mit Messe in Gaschurn und danach Weiterweg bis Nenzing
  3. Tag: 26. April 1724 41 km von Nenzing über Feldikirch, wo erneut ein Gottesdienst gefeiert wurde, weiter bis Alt St. Johann
  4. Tag: April 1724 ca. 45 km: Von Alt St. Johann mit Gottesdienst in Neu St. Johann, über Wattwil nach Schmerikon, von dort mit sieben Schiffen über den Zürichsee nach Altendorf
  5. Tag: April 1724 13 km von Altendorf über den Etzelpass, wo eine letzte Instruktion über die Verrichtung der Andacht in Einsiedeln gegeben wurde. Ankunft in Einsiedeln um 9 Uhr morgens mit einer großen Prozession.
  6. Tag: 29. April Zeit für die persönliche Andacht in Einsiedeln
  7. Tag: April mittags Aufbruch nach Haus. Auf der Schiffsfahrt geriet ein Schiff in einen Sturm, der Mast brach – der Schiffer soll zudem alkoholisiert gewesen sein – sodass dieses Schiff umkehren musste. Wie durch ein Wunder kam jedoch niemand zu Schaden.
    Man pilgerte noch zum Bildstein, einem weiteren Wallfahrtsort und wartete in Reichenburg, dem Sammelplatz, da man auf die vom Schiff getrennten Wallfahrer warten musste.
  8. Ta: 1. Mai Gottesdienst in Neu St. Johann, wo der zufällig anwesende Bischof von St. Gallen die Wallfahrer zu einem Imbiss mit Wein, Käse und Brot einlud. Das Nachtlager war in Gams.
  9. Tag: 2. Mai Weiterreise mit Gottesdienst in Feldkirch, Nachtlager in Brunnenfeld.
  10. Tag: Mai Gottesdienst in St. Gallenkirch, dann erneut über das Zeinisjoch. An diesem Tag wird von außergewöhnlicher Frühjahrshitze berichtet. Adam Schmid schreibt, die Gottesmutter habe ihren „Schutzmantel“ ausgebreitet, um die Menschen vor „Gloscht“ zu bewahren. Übernachtet wurde in Ischgl.
  11. Tag: 4. Mai 1724 Abschluss der Wallfahrt mit einem feierlichen Dankgottesdienst in Kappl. Insgesamt dauerte die Wallfahrt 11 Tage mit Hinweg, Aufenthalt und Rückweg.

Adam Schmid berichtet selbst, dass auf diesem Kreuzgang tausend „Zöcher“ – also Tränen – vergossen worden seien und dass den Kappler Pilgern überall große Ehre erwiesen wurde.  Zugleich schreibt Adam Schmid, dass er einem Nachfolger eine solche Wallfahrt nicht empfehlen würde, da Gefahr und Mühe sehr groß seien. Und doch, seit jener Zeit pilgerten immer wieder Gruppen aus Kappl – etwa zu Pfingsten – zu Fuß nach Einsiedeln. Ich weiß auch, dass meine Urgroßmutter diesen Weg noch siebenmal gegangen ist.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und lassen wir Adam Schmid nicht in Vergessenheit geraten.